Classic Meets New Generation

30+1: Theater Titanick feiert sein Jubiläum!


Im Sommer 2020 hat Theater Titanick 30-jähriges Bestehen gefeiert – nur im kleinen Kreis, ohne Auftritte und ohne Publikum. Eine Jubiläumsfeier, die für uns in Zeiten der Pandemie ganz anders ausfiel als geplant. Doch in diesem Jahr möchten wir unser Jubiläum auch mit all unseren Freund*innen, Unterstützer*innen, Partner*innen und vor allem mit Publikum nachfeiern. Deshalb steht 2021 für uns ganz im Zeichen von: Theater Titanick – 30+1!

Hinter uns liegen drei stürmische Jahrzehnte voller Klippen, kreativer Explosionen und kühner Unternehmungen. Vor uns tut sich eine Zukunft auf, in der wir weiterhin Kopf und Herz jeden Alters und jeder Herkunft mit Geschichten, Mythen und Wunderwelten begeistern wollen.

Alles begann am 5. August 1990, als die Zuschauer*innen am Aasee-Ufer in Münster Zeug*innen werden, wie Überlebende der Titanic-Katastrophe in brennenden Booten an Land gingen und von ihrem Untergang erzählten. Eine Performance, aus der unsere erste Produktion TITANIC entstanden ist. Der Startschuss für ein Kooperationsprojekt von Künstler*innen aus Münster und Leipzig, das großformatiges Bildtheater erschaffen hat, das zum Staunen verführte und uns weit in die Welt getragen hat – weiter, als wir es je für möglich gehalten hätten.

30 + 1 Jahre Theater Titanick – das sind 16 Open Air-Tourneeproduktionen, 7 Stadtinszenierungen und zahlreiche Specials für besondere Orte und Anlässe. Insgesamt mehr als 1.000 Aufführungen in 29 Ländern auf vier Kontinenten, die über drei Millionen Zuschauer*innen begeistert haben.

Unser Jubiläum stellen wir auch in diesem Jahr unter das Motto CLASSIC MEETS NEW GENERATION. Wir präsentieren nicht nur unseren Klassiker TITANIC in neuem Gewand, sondern bringen auch unsere jüngsten Produktionen TRIP OVER und UPSIDE DOWN zur Premiere. Diese beiden Produktionen wurden von einem neuen, jungen Ensemble mit Unterstützung von erfahrenen Titanicker*innen entwickelt und stehen für einen Generationswechsel bei Theater Titanick – wir haben schließlich auch in Zukunft noch viel vor!

Weitere Infos zu unseren Veranstaltungen sind im Tourkalender einsehbar. Alle unsere Vorstellungen planen wir unter Vorbehalt und unter den aktuell geltenden Bestimmungen der Coronaschutzverordnung.

 

30+1 Jahre Theater Titanick – Wie alles begann …

Die Geschichte des THEATER TITANICK beginnt in den Wendejahren. Mit einem Aufbruch ins Ungewisse. 1989 beschließen Clair Howells, Uwe Köhler und Stony Assmann, sich für das „Stadtklang Festival“ zu bewerben, das vom Kulturamt der Stadt Münster im Sommer 1990 ausgerichtet wird. Aufführungsort soll der Aasee sein. Die konkrete Idee für ein Stück oder einen Stoff fehlt anfangs noch – wird jedoch während einer gemeinsamen Ruderbootfahrt geboren: die dramatische Geschichte vom Untergang der Titanic soll erzählt werden – mit den Elementen Wasser und Feuer als tragenden Protagonisten.

Es ist nicht leicht, für dieses Unternehmen Mitstreiter*innen zu gewinnen. Viele Künstler*innen scheuen den Schritt hinaus aus der Behaglichkeit der subventionierten Guckkastenbetriebe auf die Straße, ins Offene und Tollkühne. Erst ein Kulturaustausch zwischen NRW und Sachsen führt zum Erfolg: in Leipzig trifft das Gründungsteam auf die Akteure der freien Gruppe THEATER AUS DEM HUT. Und findet mit Thomas Kuhnert, Matthias Stein, Rainer Kühn und Gundolf Nadico Gleichgesinnte, die erprobt sind in anarchischem Spirit und grenzenlosem Wagemut. So wird THEATER TITANICK zu einem frühen deutsch-deutschen Projekt. Die Home-Bases sind bis heute Münster und Leipzig.

Am 5. August 1990 werden staunende Zuschauer*innen am Aasee in Münster Zeug*innen, wie die Überlebenden der Titanic-Katastrophe in brennenden Booten an Land gehen und von ihrem Untergang erzählen.

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Der Stapellauf zum ersten Erfolg

Bis die Produktion TITANIC ihre endgültige Form gefunden hat, vergehen allerdings noch drei Jahre. Die Crew aus Künstler*innen, Musiker*innen und technischen Akteuren probiert Parodistisches, schraubt Sprachanteile zurück, baut ein komplett neues Bühnenbild – und landet schließlich bei der Form, die prägend werden soll für das Unternehmen THEATER TITANICK: einem bildgewaltigen Spektakel, das inspiriert ist von der Pariser Schule Lecoqs, der Commedia dell’Arte, den Open-Air-Produktionen der niederländischen DOGTROEP. Einem Erlebnis für alle Sinne, das Jung und Alt mitnimmt und wortlos erzählerische Wucht entfaltet.

Die Inszenierung TITANIC wird als Menetekel der Moderne und Geschichte menschlicher Hybris ab 1993 zum internationalen Erfolg. Auf Einladungen zum größten deutschen Straßentheaterfestival in Rastatt und zur Bonner Biennale folgen erste Gastspiele im Ausland, unter anderem beim renommierten Eclat-Festival in Aurillac und in Belgrad beim B.I.T.E.F.-Festival, wo die Aufführung den 1. Preis gewinnt.

Nobelpreisträger Dario Fo, der TITANIC in Mailand sieht, schwärmt: „Ich kam aus dem Staunen nicht heraus – es ist wie ein Bilderbuch, das sich immer wieder neu entfaltet. Es ist heiliges Theater mit Bildern, die einem Gemälde über das Jüngste Gericht ähneln“.

 

 

Von Mythen und Menschheitsträumen

 

„TITANIC, TROJA, ODYSSEE – es sind die großen Mythen und Menschheitsträume, die diese Künstler umtreiben. Eine Sehnsucht nach Bildern, nach einer großen, elementaren Kraft des Theaters“, notiert der ehemalige Leiter des Internationalen Theaterinstituts Deutschland, Michael Freundt. „Während in den großen und kleinen bürgerlichen Theaterhäusern – ganz deutsch – intellektuelle Diskurse vorangetrieben werden, während der Zirkus nur noch auf Stadtrand-Brachen seine Zelte aufschlagen darf, erkämpfen sich die Titanicker die Mitte der Stadt! Wenigstens für die Dauer eines Theatertraums“.

Prägend für die 90er und Nuller Jahre werden Geschichten, die den Echoraum ins Zeitlos-Archaische öffnen: TROJA als Parabel auf die Sinnlosigkeit des Krieges, die ODYSSEE als globale Irrfahrt, FIREBIRDS als Pionier-Saga über den Traum vom Fliegen, TREIBGUT als Erzählung vom uralten Konflikt zwischen Mensch und Natur. Das alles in Szene gesetzt mit enormem technisch-logistischen Aufwand, als überbordende Wasserschlachten, sprühende Feuerkämpfe, tollkühne Lufttänze. Als schauprächtiges Volkstheater im ursprünglichsten Sinne.

Die Inszenierungen von THEATER TITANICK beschwören unsere Sehnsucht nach Helden und spiegeln die Ohnmacht des Menschen. Es sind – oft im wahrsten Sinne – Himmelfahrtskommandos und Höllenritte, die durch die Oberfläche unserer Zivilisation brechen und die verdrängten Kräfte darunter freilegen: der Natur, der Elemente, der Mythen.

 

 

Theater Titanick in der Welt

 

Aufführungen wie das in Leipzig zur Premiere gebrachte Millenniums-Spektakel GÖTTERFUNKEN, der rauschhafte Bilderreigen PAX zum 350. Jubiläum des Westfälischen Friedens in Münster oder die HOCHOFENSINFONIE – ein Konzertereignis mit dem Klang von Blech und Stahl im Ruhrgebiet – beweisen, dass THEATER TITANICK zugleich ortspezifisch und universell arbeitet. Die Inszenierungen bleiben auch über den lokalen Kontext hinaus hochgradig andockfähig.

In 30 Jahren sind auf diese Weise 16 Open-Air-Spektakel, sieben Stadt-Inszenierungen und etliche Specials entststanden, die mehr als 1000 Aufführungen in 28 Ländern auf vier Kontinenten erlebt haben, etliche Preise gewinnen und mehr als drei Millionen Zuschauer*innen erreichen konnten.

Die THEATER TITANICK-Crew ist darüber zum festen Ensemble gewachsen. Bestehend aus Schauspieler*innen, Techniker*innen und technischer Leitung, Musiker*innen/Komponist*innen, Bühnenbildner*innen, Effektspezialist*innen, Produktionsleiter*innen, Tourmanagerin und Geschäftsleitung (Clair Howells und Uwe Köhler). TITANICK versteht sich als Kollektiv, in dem die Kompetenzen der einzelnen Akteur*innen in der gemeinsamen Arbeit aufgehen.

 

 

Heimat ist ein flüchtiger Ort

 

Die Inszenierungen in den Öffentlichen Räumen der Welt haben dabei schon allein durch die Form eine politische Dimension. Es ist eine Kunst, die Zugänge und Teilhabe für alle ermöglicht. Die Straßen und Plätze zurückerobert und zur Bühne ohne Barriere werden lässt. Und die das Angebot macht, gemeinsam einen neuen Blick auf vermeintlich Bekanntes zu riskieren. Das Publikum ist dabei immer auch Akteur – die TITANICK-Spektakel zielen nie auf Überwältigung, sondern suchen den Austausch.

Zuletzt hat sich der politische Anspruch von THEATER TITANICK immer expliziter auch in den Inszenierungen niedergeschlagen. Wie im Falle der Open-Air-Aufführung LOST CAMPUS – einem Sonderprojekt des Fonds Darstellende Künste zum Thema „Un-Orte“. Das TITANICK-Team hat in mehreren Bauphasen eine Baracke originalgetreu wiedererrichtet, in der zur Zeit der Nazidiktatur in Münster Zwangsarbeiter kaserniert waren. Bespielt wurde sie allabendlich mit Performances.

Auch die Open-Air-Aufführung ALICE ON THE RUN verhandelt ein Thema mit Tiefe. Inspiriert von Lewis Carroll´s „Alice im Wunderland“ wird die Geschichte einer jungen Frau erzählt, die ihr Haus verliert und sich auf den Weg macht, eine neue Heimat zu finden – vor dem Zeithintergrund der wachsenden Not Geflüchteter aus Nordafrika, die in Europa Asyl suchen.

 

 

Ausblick und Aufbruch – New Generation!

 

Dieser Weg, dringliche Anliegen und sinnliche Erfahrung zu verbinden, wird weiter beschritten: Mit einer Europa-Trilogie, deren erster Teil TRIP OVER im Rahmen der Feierlichkeiten zum 30-jährigen TITANICK-Jubiläum zur Premiere kommt. Hintergrund ist einmal mehr ein Menschheitstraum – der Traum von einem friedvollen Zusammenleben in Europa, fast 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, allen gegenwärtigen Verwerfungen und Krisen zum Trotz.

Auch die Proben zum zweiten Teil UPSIDE DOWN sind in 2020 angelaufen – eine Inszenierung, die auf vielfältige Weise unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit auf den Kopf stellen wird.

Den Abschluss findet die Trilogie mit dem internationalen Kooperationsprojekt HAUS EUROPA. THEATER TITANICK schließt sich dafür mit Partner*innen aus den Niederlanden, Frankreich und Polen zusammen.